Zwölf Minuten im Jenseits: Handshake mit Tutanchamun

Verfasst von: Stefan Siedler
Tutanchamuns Maske als Motiv der Raumprojektion. Die separate VR-Reise führt in seine virtuelle Welt.
Tutanchamuns Maske als Motiv der Raumprojektion. Die separate VR-Reise führt in seine virtuelle Welt.  Bild: Stefan Siedler
Hannover (D) [SiSt24 Media] Tutanchamun läuft durch die Besucher hindurch, gewaltige Gottheiten richten über sein Herz, und im Grab lassen sich Gegenstände mit virtuellen Händen untersuchen. Die VR-Reise der Tutanchamun-Ausstellung in Hannover macht aus dem Zuschauen eine Begegnung. Ihre Computergrafik bleibt erkennbar, ihre Wirkung ist dennoch beeindruckend. Das Prädikat lautet: unbedingt empfehlenswert. Nur zwölf Minuten sind für diese Entdeckungsreise knapp bemessen.

Vor dem Aufsetzen der Brille erklärt ein Mitarbeiter die Bedienung und die Orientierung im Raum. Beim Überschreiten einer roten Begrenzung erscheinen gelbe Spuren am Boden, die den Weg zurück in den vorgesehenen Bereich weisen. Diese Hinweise helfen, Abstand zu den realen Wänden zu halten. Auch die Hände werden virtuell eingeblendet. Damit lassen sich Schaltflächen betätigen und Informationen aufrufen. Die Technik wird so zum Werkzeug für die Erkundung: Besucher bewegen sich selbst durch die Szenen und entscheiden, wohin sie schauen und welche Details sie näher betrachten. Die Einweisung ist deshalb ein wichtiger Teil des Erlebnisses.

Ägyptische Götterbilder im Projektionsraum der Ausstellung; thematische Illustration zur VR-Reise (Bild: Stefan Siedler)

Vier virtuelle Räume bilden die Stationen dieser Reise. Dazwischen wird die Umgebung schwarz: Ein Tunnel mit weißen Schriftzeichen führt zum nächsten Übergang. Dort gilt es, einen Spiegel zu finden und hindurchzugehen. Dahinter öffnet sich eine andere Kammer, und die Geschichte setzt sich fort. Eine Station führt zu Waren im alten Ägypten, die erläutert werden. Große Szenen und kleine Beobachtungen wechseln sich ab. Selbst eine schlafende Katze ist sorgfältig animiert: Ihr Bauch hebt und senkt sich beim Atmen. Tutanchamun tritt so nah heran, dass er durch die Besucher hindurchläuft. Die Bilder lassen ihre Herkunft aus dem Computer erkennen. Doch Bewegung, Nähe und die vielen Details machen diese virtuelle Welt überraschend lebendig und die Begegnung mit dem Pharao eindrucksvoll.

Nachbildung des schakalköpfigen Anubis in der Ausstellung. Der Gott ist mit dem Totenkult verbunden. (Bild: Stefan Siedler)

Nach einem weiteren Tunnel und dem Durchgang durch den Spiegel steht Tutanchamun vor dem Jenseitsgericht. Die Gottheiten wirken etwa vier Meter hoch und geben der Szene eine überwältigende Dimension. Sein Herz wird gewogen; daneben wartet die krokodilköpfige Ammit darauf, es bei einem ungünstigen Urteil zu verschlingen. In dieser Inszenierung geht sie leer aus. Die Szene greift eine zentrale Vorstellung des ägyptischen Totenglaubens auf: Beim Wiegen des Herzens entscheidet sich, ob der Verstorbene im Jenseits weiterbestehen darf. Ammit ist dabei kein gewöhnliches Krokodil, sondern ein Mischwesen mit Anteilen von Krokodil, Löwe und Nilpferd. In der virtuellen Darstellung wird aus dem abstrakten Motiv eine unmittelbare Begegnung mit einer gewaltigen Gerichtsszene, die das Urteil über den Verstorbenen räumlich erlebbar macht.

Sarg-Replik als Bezug zur letzten VR-Station. Keine Aufnahme aus der virtuellen Grabkammer. (Bild: Stefan Siedler)

Wieder führt der Weg durch Tunnel und Spiegel, diesmal ins Grab. Zu sehen ist die Öffnung, durch die Howard Carter einst hineinblickte. Über einen Bereich mit einer dargestellten Stufe geht es weiter in die Kammer. Hier erlaubt die virtuelle Welt etwas, das vor echten Altertümern unmöglich bleibt: Besucher können durch die Sarkophage hindurchgehen und in ihr Inneres schauen. Vier Gegenstände lassen sich mit der eingeblendeten Hand aufnehmen und in alle Richtungen drehen. Damit endet die Reise besonders anschaulich. Leider ist sie auf zwölf Minuten begrenzt; zu langes Staunen kostet Zeit für weitere Entdeckungen. Für sechs Euro zusätzlich zum Ausstellungseintritt ist dieses sorgfältig gestaltete Erlebnis unbedingt empfehlenswert. Wer die Schau besucht, sollte sich diese Begegnung mit Tutanchamun auf keinen Fall entgehen lassen.

Die VR-Anwendung gehört zum Angebot der Tutanchamun-Ausstellung in der Alten Druckerei, August-Madsack-Straße 1, in Hannover. Sie ist vor Ort separat buchbar und kostet sechs Euro zusätzlich zum regulären Ausstellungseintritt. Für den gesamten Ausstellungsbesuch werden 90 bis 120 Minuten empfohlen. Die virtuelle Reise beansprucht davon rund zwölf Minuten. Wer alle Funktionen in VR-Rundgang erkunden und die Gegenstände ausprobieren möchte, sollte schnell aus dem Staunen heraus kommen und die Übergänge zügig nutzen und sich nicht gleich an der ersten Station zu lange aufhalten. Rote Grenzen und gelbe Fussspuren sorgen für ein sicheres Durchlaufen des Raumes ohne Anzuecken.